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Mailverteiler USA 2004 #3

Trottamundos, Trottamundas,

das letzte Mail ging etwas rasch zu Ende – ebenso wie die verfügbare online
Zeit im Cybercafé im Whaler’s Wharf in Provincetown, da habe ich das
Absenden der Email doch der Unterschrift einer im Nirwana verschwindenden
Mail vorgezogen. Aber das hole ich gerne nach ;-)

A propos Internet: Ich bin jetzt guter T-Mobile Kunde, nicht nur mit meiner
amerikanischen Prepaid Natel Karte, sondern auch mit dem Online Abo „Pay as
you go“ in Zusammenarbeit mit Starbucks – offenbar die beste und einfachste
Variante, als Reisender online zu gehen. Einfach ein Starbucks aufsuchen,
mit dem Laptop online einloggen und das Zeitfenster per Kreditkarte
minutengenau berechnen – Offenbar. Denn es geht noch viel komfortabler: Wir
sitzen hier im Thornewood Inn in Great Barrington (Southern Berkshires, MA)
in einem noblen Zimmer mit rieeeesigem Bad, nach old new england style
möbliert, da wir uns gedacht haben, die Motels langsam zu kennen – die im
letzten Bericht gegebene Beschreibung trifft so ziemlich auf alle Motels zu.
Hier wird man im Gegensatz dazu fürstlich behandelt, alles ist möglich und
jeder Geheimtipp wird gerne an den Gast weitergegeben. Unter anderem hat
diese kleine Gaststätte auch wireless Internetzugang – for free! Da kann man
ohne Gebührenzähler im Nacken wieder seiner online Sucht nachgehen, davon
könnt Ihr ja auch nur profitieren! Unter anderem von einigen Bildern, die
ich dem Mail beigefügt habe und meiner Meinung nach einen guten Querschnitt
über die bisherigen Tage und Wochen geben.

Wie Ihr auch sehen könnt, hat das Auto harte Zeiten zu überstehen. Nachdem
wir die offroad Gelegenheit in den Dünen um Provincetown leider sausen
lassen mussten, da zuviel emergency equipment nötig gewesen wäre (Schaufel,
Seil, Brett, spezieller Wagenheber zusätzlich zu einem 45$ permit), haben
wir uns umso mehr um die Möglichkeit gerissen, im Nickerson State Park die
unpaved trails zu befahren. Ich wollte schon immer mal ausloten, was so ein
Geländewagen im kleinsten Kriechgang der Untersetzung alles aus Stein, Sand
und Wasser überwinden kann. Aber seht selbst…! (Henry David Thoreau schrieb
übrigens in „Cape Cod“ 1865: “The Sand is the great enemy here.”

Dazu kommen die kleinen Strapazen des Autolebens – nicht genug, dass die
Beifahrerseite prinzipiell nass ist, haben wir mal noch schnell eine Gallone
Wasser im Kofferraum ausgeleert, als Gleichberechtigung sozusagen. Von
herausfallenden CD-Geräten aus dem Armaturenbrett und anderen
Nebensächlichkeiten ganz zu schweigen.

Die Hauptsache ist ja da Vorankommen, und das geht bis jetzt gut. Wir haben
heute die ersten 1000 Meilen vollendet, unter anderem im Quabbit Reservoir,
einem riesigen, in den 1930er Jahren überfluteten Gebiet, dessen Stausee
analog zu Alt-Reschen mehrere Dörfer unter sich begraben hat. Der See
umfasst mehr als 118 Meilen „Küste“ und ist als Trinkwasserspeicher für eine
wachsende Stadt Boston nötig geworden. Diese Informationen haben wir um 6
Uhr früh versucht aufzunehmen, da wir mittlerweile unter die Frühaufsteher
gegangen sind und das weiche Sonnenlicht am Morgen jagen. Es erlaubt so viel
bessere Stimmungsbilder, und der Tag gibt einfach so mehr her! Als Quartier
hatten wir ein Motel in Amherst bezogen, einer wirklich jungen, aufgeweckten
Stadt, die man am ehesten beschreiben kann, wenn man sich vorstellt, die Uni
und die ETH Zürich komplett als eigene Stadt auf dem Hönggerberg zu
isolieren – voila, die perfekte College Stadt. Allerdings ist sich Amherst
bewusst, dass sie von diesen (und fast alleine) lebt. Genau diese Stimmung
hatte ich bisher an den USA resp. Am System Motel vermisst, dass man kaum
junge Leute trifft resp. Sich untereinander austauscht und Erfahrungen
vermittelt. Vielleicht sollte man dieser Eigenschaft Rechnung tragen und
nach den teuren Inns auch mal eine Camp Site oder Cabin aufsuchen, das würde
dann auch dem Reisebudget gut tun. Die ganze Gegend um Amherst nennt sich
übrigens „Pioneer Valley“ im Anklang an die frühe Besiedlung des Gebietes.
In den Berkshires stehen jetzt die Landtiere an, allen voran der Bald Eagle,
denn schliesslich wollen wir das Wappentier auch einmal live erleben. Rehe
sind uns schon begegnet, ebenso die unzähligen Eichhörnchen. Speziell stark
vertreten waren sie in old Deerfield, einer Stadt, die fast komplett zur
Zeit der settlers stehen geblieben ist, mit alten Häusern und ihrer
Einrichtung, eingebettet in die perfekte new england village mit kleinen
Dorfsträsschen, den Telegraphenmasten und Bäumen und daneben den Fusswegen,
die in die grossen Einfahrten der herrschaftlicheren Häuser münden.

Das ist etwas strapaziert worden, v.a. auch durch das Tauchen in Hyannis
resp. Sandwich (nein, nicht zum Essen!) noch auf dem Cape; ich hatte Euch ja
versprochen, die Unterwasserwelt nachzuliefern. Nun, sie ist kalt, aber
sehenswert. Zwar hatte ich zuwenig Blei und bin kaum gesunken, einmal unten
angekommen, kann man aber plenty of marine life entdecken. Hätte wohl ein
gutes Restaurant als Abnehmer für die vielen Hummer organisieren sollen,
dann wäre der Tauchtrip finanziert gewesen. Ausserdem sind wir Flundern,
Krebsen, Krabben, Muscheln, Schnecken und Würmern begegnet.
Anschliessend haben wir die Insel von Nord nach Süd wieder durchquert und
haben den White Cedar Swamp Trail absolviert. Neben den schon erwähnten
Laubbäumen bietet das Cape auch eine Vielfalt an Nadelhölzern, deren Stämme
sich stark voneinander unterscheiden und zum Teil eine mehrschichtige, dicke
Rinde haben. Der ganze State Park an dieser Stelle ist übrigens einem
gewissen Guglielmo Marconi zu verdanken, der seit Ende des 19. Jh. Mit
Telegraphendrähten herumgespielt hatte und von wenigen Zentimetern Distanz
bis schliesslich über mehrere Meilen Signale übertragen konnte und seinen
grossen Traum, den Atlantik zu überqueren, endlich 1903 hier am Cape
verwirklichte und von einer Station in England Daten herüberfunken konnte.

Nun genug der Geschichten, Neues steht an, bevor der Indian Summer an uns
vorbeizieht! Gute Nacht nach good ol’ Europe!

Greetz, Michi

PS @ Alex & Steffi: Schon lange nichts mehr von den Westamerikanern gehört,
wie lebt es sich so? Ich gehe davon aus, dass Ihr all die Stellen und
Stätten rekognosziert, die ich noch besuchen will 

PPS @ alle Neuseeländer: Wie geht es im Südwinter? Stehen die beiden
Inselteile noch?

PPPS @ All: Ich hoffe natürlich, bei dieser Vielfalt moderner Technik auch
meine Homepage mal rudimentär aktualisieren zu können, da sollten dann noch
mehr Fotos aktuell zu finden sein! Check it out!!

 

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