Mailverteiler USA 2004 #4
Gday folks,
das Northeast Kingdom ist ein sehr eigenes Königreich. Seinem Namen entsprechend im nordöstlichen Teil von Vermont gelegen, kommen angeblich noch immer mehr Kühe auf einen Quadratkilometer Land als Menschen. Dementsprechend dünn mit grossen Farmen besiedelt ist das Land, übersät von kleinen Seen, die Thoreau seinerzeit als Earths eyes bezeichnete. Die meisten Leute leben einfach und arbeiten hart, denn auch hier in Neuengland sind die Zeiten für die Bauern schwer geworden, und wer überleben will, muss grösser werden. Andere haben das Farmen aufgegeben, wie unsere Gastgeber im Rodgers Inn, West Glover, VT. Wir fühlen uns hier richtig daheim wie bei Mama. Abendessen ist im Preis inbegriffen, gegessen wird am grossen Esstisch, wo manchmal neben dem Innkeeper Ehepaar bis zu zwölf weitere Gäste sitzen, und dann wird über das Tagesgeschehen und die sehenswerte Umgebung diskutiert, oder halt eben, wie schwierig die Entscheidung gefallen ist, zwar die Farm zu behalten, aber das Farmen aufzugeben, als der älteste Sohn aufs College wollte. Stattdessen hat der Vater einen Job angenommen und Mutter Nancy lässt ihren Einfallsreichtum spielen. Ihre homemade Cookies und Doughnuts gibts jetzt im General Store zu kaufen, im Winter wird Holz verkauft und Snowmobile Trails (DER Volkssport hier!) gepfadet. Im Bed and Breakfast Business ist man schon in 2. Generation. Stichwort Breakfast: Uugh, viele Kalorien! Pancakes sind das eine, der Maple Sirup (Zuckerahorn) das andere. Den Touristen im Frühstücksrestaurant erkennt man daran, dass er scheu die Pfannkuchen tropfenweise mit Sirup füllt, während der heimische Ami ohne mit der Wimper zu zucken den ganzen Kessel darübergiesst, bis die Pancakes davonschwimmen. Und dann isst er den ganzen Haufen auch noch auf, fettigen Schinken, Rühreier und English Muffins (Pampebrot getoastet, was halt vom McDonalds gestern übriggeblieben ist) inbegriffen. Aber man muss Nancy schon ein ganz grosses Kompliment machen, was sie hier leistet und auftischt, hält keinem regulären Vergleich (und keinem Magen) stand!
Auf unseren Touren und Wanderungen stehen die grösseren Highlights noch aus, u.a. die Besteigung des Mount Washington. Ein Gebiet mit diesem Namen hatten wir zwar schon erreicht, aber es stellte sich erst später heraus, dass damit nicht jener 6288 Füsse hohe Berg gemeint ist, der in allen Reiseführern erwähnt wird, sondern gar keine Erhebung in der Nähe war und einfach die Region (warum auch immer) so heisst. Das ist übrigens in Neuengland ein alltägliches Phänomen: Man kann problemlos sich in Berlin vergnügen, eine halbe Stunde später durch Paris fahren und feststellen, dass Manchester und Liverpool in praktisch allen Staaten vorkommen und doch völlig verschieden voneinander sind. Also bitte immer noch das Staatskürzel angeben, damit Verwechslungen ausgeschlossen sind. Den Mount Greylock als höchste Erhebung in Massachusetts haben wir allerdings kurz vor dem Übertritt nach Vermont gefunden. Die Strasse führt bis auf den Gipfel, wo der getreue Spiessbürger brav 2 Dollar hervorkramt und sie in den Parkautomaten schiebt, um ein Parkticket zu bekommen. Aber so sind eben die unterschiedl. Mentalitäten: Der Ami baut die Strasse auf den Gipfel und dort den Parkautomaten, der Schweizer baut die Eisenbahn hinauf und kauft sich ein GA!
Den Weg hierher an die kanadische Grenze in Vermont haben wir über die sehenswerte Nebenstrasse VT 100 mit zahlreichen Attraktionen gefunden: Mehrere Male haben wir den Appalachian Trail gekreuzt, sind Trails zu Wasserfällen, speziellen Baumtypen oder Bergspitzen begangen und haben Attraktionen wie Ben & Jerrys Ice Cream Factory oder den weltgrössten Granitsteinruch, den Rock of Ages Quarry in Barre, besucht. Dazu die Quechee Gorge als spektakuläres Erosionsereignis der Natur und das Vermont Institute for Natural Sciences mit Beaver Trails und einer Raubvogelschau. Beliebt geworden bei uns ist die Jagd nach covered bridges, vollständig gedeckte Holzbrücken, um die Innenkonstruktion vor dem Verfaulen zu schützen. Viele dieser alten, bis zu 200 Jahre alten Brücken tragen den Vermerk, dass (je nach Typ) 1 5 $ Busse fällig sind für den, der schneller als in Spaziergeschwindigkeit darüber fährt. Ausserdem heisst es, ein Wunsch gehe ähnlich wie beim Sichten einer Sternschnuppe in Erfüllung, wenn man vor dem Überqueren der Brücke das richtige Sprüchlein aufsagt. A propos Autofahren: Kofferraum und Beifahrerseite sind nicht mehr ganz so nass, aber die Mitteilungsfreudigkeit des Bordcomputers ist ungebrochen und das CD-Gerät fällt immer noch aus dem Armaturenbrett heraus, umso mehr, als die Hälfte der Wege im Northeast Kingdom potholes und ungeteert sind. Dazu die Frage, wie ein Auto abstürzen kann. Ja, genau so wie ein Computer: Plötzlich klemmts und nichts geht mehr. Konkret geht es um die Bremsleuchten, die auch dann noch brennen, nachdem man schon lange geparkt und den Motor ausgestellt hat und ausgestiegen und zu Bett gegangen ist. Lösung des Problems? Ganz analog zum Computer mit CTRL+ALT+DEL: Unters Armaturenbrett gegriffen, Sicherungskasten auf, Sicherung #2 raus, wieder rein und neustarten. Meistens ist dieses ungewöhnliche Problem behoben, meistens
Wir wollten uns heute endlich den begehrten Aufkleber My car has made it to Mount Washinton sichern, den man nach Erreichen des höchsten Gipfels Neuenglands erhält. Aber schon Bill Bryon schreibt in seinem Walk in the Woods eindrücklich über die rasch ändernden Wetterbedingungen, und genau diese sind uns heute zum Verhängnis geworden. Eine solche Erfahrung haben neben all denen im Wetter umgekommenen, die auf einer Holztafel auf dem Gipfel namentlich verewigt sind (mit noch viel freiem Platz!) auch die Meteorologen der Wetterstation gemacht. Den Weltrekord hält S. Pagliuca von 1934 mit gemessenen 231 mph Windgeschwindigkeit. Das Wetter ist allen Ernstes schlechter als in der Antarktis, zu -47° Fahrenheit gesellen sich gerne durchschnittlich 100 mph Wind. Oder mehr als 5 Meter Schnee pro Jahr. Berühmt wurde jene Bergsteigerin, die ihr Ziel (das warme Gästezimmer auf dem Hotelgipfel) um knappe 30 Meter verfehlt hat und erfroren ist. Da bin ich froh, dass man uns wenigstens am Fuss des Berges, wo die Mautstrasse auf den Mount Washington beginnt, informiert hat, dass der Berg wegen Eis und Schnee vorübergehend geschlossen sei. Wir schreiben den 19. September, auf dem Gipfel hat es ungefähr -10°C. Also muss ich mich vorläufig noch auf das Video freuen, dass es im Gipfelmuseum zu sehen geben soll: Ein Meteorologe bekommt spasseshalber ein Frühstück im Bergrestaurant auf der Terrasse serviert: Während er mit beiden Armen den Tisch am Boden festhält, kämpft sich ein Kellner durch den Wind, als wäre er am Syksurfen. Er möchte seinem Kunden eine Schüssel Cornflakes einschenken, und alles fliegt waagerecht aus der Schachtel. Die Milch, die er hinzufügt, geht denselben Weg (direkt über die Kleidung des Kunden), und schliesslich auch Schüssel, Besteck und Tischtuch. Der Film endet, als auch der Tisch weggefegt wird ;-)
Als Entschädigung gab es für uns im Staate New Hampshire nur die Besichtigung der Cog Railway, einer sehr genialen Dampfeisenbahnstrecke von der anderen Seite auf den Gipfel. Besichtigung nur deshalb, weil 49$ pro Person doch etwas viel sind. Dampf, Gestank, Lärm und Action bei der Abfahrt unter grossem Hallo der Passagiere gab es umsonst, ebenso wie die Besichtigung des Eisenbahnmuseums. Den Aufzeichnungen zufolge muss der einfallsreiche Mann, der die Bergbahn zu einer Zeit, wo normale Eisenbahnlinien eine Seltenheit waren, der Staatsversammlung vorschlug, viel Hohn und Gelächter abbekommen haben. Ihr Erfolg straft die Kritiker, und auch heute gibt es wohl keine schönere und romantischere Variante der Umweltverschmutzung, wenn pro Gipfelbezwingung 1 Tonne Kohle in die Luft gepustet werden. Wir haben den Mount Washington in diesem Sinne mehrfach mental bestiegen und ihn auch komplett umfahren, u.a. auf dem sehr empfehlenswerten Kancamagus Highway als die Scenic Road #1 in New England. In den Höhen der Passstrasse ist die Foliage, die herbstliche Blattverfärbung, auch schon ziemlich weit fortgeschritten. Wir hoffen, bei unserem kommenden Trip um die Great Lakes auf dem Weg zu den Niagara Falls, Detroit und Toronto kommende Woche das Hauptstadium nicht zu verpassen und rechtzeitig wieder in New England anzukommen!
Es grüsst Euch
Michi
PS @ all: In Vermont gibt es offenbar keinen Handyempfang für Normalsterbliche, das einzige verfügbare Netz verweigert uns erfolgreich den Zugriff. Bitte nicht wundern, wenn auf SMS nicht geantwortet wird, ich durfte sie noch nicht lesen
PPS @ Pascalino: Ich habe dasselbe Problem mit dem Laptop und amerikan. Steckdosen. Meine Lösung ist auch ein schönes Gebastel: Man nehme ein billiges Verlängerungskabel der Migros ohne Erdung (also 2polig) aus Gummi. Mit etwas Würgen und Kraftaufwand geht der 3polige Stecker des Laptopstromkabels problemlos in die 2 Pole rein, die Erdung ragt als pures Metall einfach auf den Boden Und: Si, hace surf tambien aqui
PPPS
@ Boris: VINS wäre etwas für Dich gewesen. Analog zum Pfänder
bieten sie eine Greifvogelschau fast zum Anfassen, mit American Bald Eagles,
Barn Owels, wie sie diese furchteinflössenden Eulen nennen (die in den
Ställen des Nachts offenbar derart Rabatz gemacht haben, dass man den Gebäuden
nachsagte in ihnen hause der Teufel), Falken und Harriern und vielen
anderen mehr.
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