DA Roma 2005

Mailverteiler 3

Salut zäme!

Wie angekündigt habe ich vor etwas mehr als einer Woche am Freitag das Institut schon direkt nach dem Mittagessen (das heisst um halb drei, die Römer haben eine etwas andere Tageseinteilung) das Institut verlassen und das gemietete Auto in Empfang genommen. Der Vermieter hat es selber aus der Garage geholt und mir mitten auf die Strasse gestellt, damit ich gleich abfahren kann. Den wahren Grund habe ich dann bald herausgefunden, sobald es kalt und dunkel geworden war: Er wollte mich wohl möglichst schnell loswerden, damit ich die Macken des Autos erst aufdecke, wenn ich schon genug weit weg von ihm bin. Dass mir der Bordcomputer ständig Fehler meldete, war ja noch ein Detail. Dass die Hupe nicht funktionierte, würde bei uns auch kein ernsthaftes Problem darstellen, ist in Italien jedoch schon etwas gefährlicher, da ein römischer Verkehrsteilnehmer solange fährt, wie es halt geht und erst dann bremst oder hinschaut, wenn er mit der Hupe dazu aufgefordert wird. Sprich: Sie hat mir schon eher gefehlt. Das übelste war allerdings, dass die Heizung nur die Funktionen "kalt" oder "sehr kalt" kannte und das Auto nie über Aussentemperatur zu bringen war. Gut zureden (Alfa Romeo), schlagen (Ungeduld) oder fest schlagen (Verärgerung) halfen alles nichts, es kam kalt aus der Lüftung, solange, bis die Scheiben wieder beschlagen waren. Dann musste ich auf Scheibenbelüftung umstellen, und damit schaltete sich die Klimaanlage automatisch zu, und wir waren im Programm "sehr kalt". Nun denn, ich habe in einem Wochenende also insgesamt knapp 1000 Kilometer in einem ungeheizten Auto mit zwei Jacken und (zum Glück eingepackt) Handschuhen zugebracht...

Die Nerven vollends verlieren würde ich, wenn ich das jedes Wochenende machen müsste. Freitag abends (aus Rom raus) und Sonntag abends (nach Rom rein) geht grundsätzlich auf den Strassen nichts mehr. Oder anders gesagt: Der Verkehr steht, nur noch die Fussgänger kommen voran. Ich habe Euch eine kleine Bildergeschichte angehängt, die das illustriert. Von Rom nach Viterbo, eine Distanz von gut 60km, habe ich vier Stunden gebraucht. Davon deren drei für die ersten ca. 15km. Sobald man aber aus Rom wirklich mal komplett draussen ist, waren die Strassen plötzlich leer, und ich habe auch bis am Sonntag Abend keine Verkehrsprobleme mehr gehabt. In Viterbo musste ich also zwangsläufig die Übernachtung einschalten und habe mir das Städtchen nach dem Abendessen so gegen zehn Uhr angeschaut. Das Etruskerstädtchen mit heute gut 60'000 Ew. entwickelte sich zum wichtigen Zentrum im Mittelalter und bietet die besterhaltensten Residenzen und Plätze dieser Zeit. Berühmt ist u.a. die Kathedrale und der Palazzo Papale an der Piazza San Lorenzo. Hier wurde das Kardinalskollegium im Jahre 1271 schlichtweg eingesperrt, als sie sich nach drei Jahren ohne Papst noch immer unfähig zeigten, einen neuen Papst zu wählen. Aus dieser "Konklave" ging Gregor X. als neuer Kirchenführer hervor. An zweiter Stelle in Viterbo rangiert die Piazza San Pellegrino als angeblich schönster Platz des Mittelalters in ganz Italien. Mir hat allerdings gleich daneben viel besser der Brunnen an der Piazza della Morte gefallen.

Am nächsten Morgen ging es früh weiter, durch den Morgennebel bis nach Bagnoregio (danke Chrissie für den Tip!!). Das mittelalterliche Städtchen "Civita di Bagnoregio" ist bekannt unter dem Namen "La Civita che muore" aufgrund seiner prekären Lage auf einem erodierenden Tuffhügel. Zugänglich ist es nur über eine steile Fussgängerbrücke und heute vorwiegend in Besitz von wohlhabenden Leuten, welche die Ortschaft zu erhalten versuchen.
Via Bolsena und den gleichnamigen See, der heute den Krater eines Vulkans ausfüllt, welcher vor geologisch nicht allzu langer Zeit die Umgebung formte, machte ich mich auf den Weg in die Toskana nach Pitigliano, eines der berühmten "Tuffsteinstädtchen", welche aus verteidigungsstrategischen Gründen auf Hügeln gebaut sind, die aus dem Tuff der eben erwähnten Vulkaneruption bestehen. Zu den aus und auf und in den Tuff hinein gebauten Ortsbildern gehören zudem Sovana und Sorano, welchen ich am späten Nachmittag einen Besuch abstattete. In Sovana gibt es neben der Chiesa di Santa Maria mit dem einzigen pre-romanischen Kirchenschmuck, einem Ziborium aus Marmor des 9. Jh., den gothisch-romanischen Dom aus dem 12. und 13. Jahrhundert, welche viele Bausteine der Region (Tuff, Marmor, Travertin) harmonisch vereint.

Der zuletzt genannte Travertin findet sich vor allem in Saturnia. Dieses Städtchen leuchtet schon von weitem aufgrund seiner Bauweise in weissem Gestein, ist aber noch mehr berühmt durch seine vulkanischen, schwefelhaltigen Quellen. Die gutbetuchten lassen es sich in den Thermen von Saturnia mit allen Schikanen gut gehen, während der Ottonormalverbraucher sich etwas ausserhalb davon in den Kaskaden vergnügt. An dieser Stelle stürzt das schön warme Wasser über eine Serie von kleinen Stufen in natürliche Becken, welche auch im November gratis zum Baden einladen.

Am Abend blieb mir noch Zeit, Orvieto kurz anzuschneiden, bevor die Dunkelheit komplett einsetzte. Im Dunkeln machte ich die Traverse in die Abruzzen in die Region von Gran Sasso, wo sich der höchste Berg Mittelitaliens, der Corno Grande befindet. In tiefster Nacht fand ich schlotternd endlich doch noch eine Albergo (eine Art Privatunterkunft) und mir wurde eine optimale Pizzeria mitten im Industriegebiet empfohlen, wo ich mir für total 8 Euro Primo (1. Gang), Secondo (2. Gang) und Beilage sowie 1/4l Hauswein auftischen liess! (Zum Vergleich: Gestern habe ich im "Ausgang" für ein Glacé, zwei simple Kugeln, im Sitzen im Zentrum Roms 10 Euro liegengelassen...)
Der nächste Morgen war als letzter strahlender Tag angekündigt worden, und so begann er auch. Früh machte ich mich zum Campo Imperatore auf, einem landschaftlich einmaligen, kargen Hochplateau inmitten der Abruzzen, und erklomm verschiedene Hügel, um die Aussicht auf ganz Mittelitalien, das zum Teil unter einer Nebeldecke versank, sowie den Corno Grande zu geniessen. Eine Rundfahrt führte mich über Castelli und Isola nach Prati di Tivo, einer Art Skigebiet von Mittelitalien, mit der Möglichkeit, den Corno Grande zu besteigen. Zur Abenddämmerung schaffte ich es zwar nicht ganz bis nach oben, aber immerhin wieder aus dem Nebel heraus, der sich mittlerweile herangeschlichen hatte. Der Sonnenuntergang war grandios, mit dem Schatten des Corno Grande auf das Nebelmeer, das sich wenige Meter unterhalb von mir ausbreitete.

Ein intensives Wochenende also, bei dem ich ein gutes Stück aus der Stadt herausgekommen bin und neue Einblicke sammeln konnte. Es folgte eine intensive Arbeitswoche mit einigen wissenschaftlichen Puzzles und Rätseln und dem Vergnügen, meinen Untersuchungsgegenstand, die Leccio-Blätter, für eine Temperaturkurve auf bis zu 700°C zu heizen und anschliessend die Messsonde von den schwarzen organischen (Brand-)rückständen jeweils zu säubern. Den Geruch im Labor möchte ich jetzt nicht näher beschreiben ;-)

That's it for now, greetings from Rome!

Michi

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