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Roma # 4
Liebe Daheimgebliebene oder Sonstunterwegsseiende
Rom ist im Moment nass. So ungewöhnlich nass sogar, dass der Tiber an mehreren Stellen über die Ufer getreten ist. Wer bisher mit dem Fahrrad den Wegen entlang des Tibers quer durch die Stadt gefahren ist, muss mittlerweile schwimmen. Auch gestern Dienstag zogen heftige Gewitter über die Stadt, welche weitere Niederschläge brachten. Wir haben die Hochwassermarke von 12m längst hinter uns gelassen und steuern heute Mittwoch auf 14m zu, das ist schon mehr als ein Fünfzigjähriges.
Das letzte Wochenende habe ich also vorwiegend "indoor" verbracht. Am Freitag war Streik ("lo sciopero") der öffentlichen Verkehrsmittel und demnach es weniger ratsam, sich auf die Strassen zu wagen. Ich bin also wie viele andere auch nicht zur Arbeit gegangen, sondern habe eine Kirchentour absolviert, da in den Kirchen mitunter die wichtigsten Kulturgüter der Stadt - und (fast) alle gratis! - zu finden sind. Der Beginn machte das Pantheon: Die Grabstätten von König Vittorio Emanuele II. und Umberto I. sind genauso hier zu finden wie jene von Raffael. Die Kuppel von 43m Durchmesser und exakt derselben Höhe verleiht dem Bau eine ehrfürchtige Symmetrie. Sie ist nicht geschlossen, sondern das einzige Licht ist natürliches Tageslicht, dass durch eine 9m grosse Öffnung (Opaion) von oben einfällt. Regenwasser wird über Löcher im Boden abgeleitet.
Wenige Meter daneben findet sich die Chiesa di Santa Maria sopra Minerva. Auf dem Platz grüsst der Elefant von Bernini, der einen Obelisken aus Ägypten und die Aufschrift trägt, dass es viel Kraft brauche, um die Weisheit zu tragen. In der Kirche ist Bernini nochmals vertreten mit einem Grabaltar für Maria Raggi, das Highlight hingegen ist Michelangelos Figur des auferstandenen Jesus (Cristo Risorto), der sein Kreuz trägt.
Über die Basilica di San Clemente, die einzige Kirche in der Stadt, welche noch über ein mittelalterliches Atrium verfügt und nur wenige Schritte vom Colosseum entfernt ist, habe ich eine eigene Rubrik auf der Website erstellt, da ihre Chorschranken (schola cantorum) aus dem 12. Jh. einen engen Bezug zum Unesco Weltkulturerbe des Klosters St. Johann in Müstair i.M. haben. Das wirklich besondere an der Kirche ist aber ihr Ursprung, da die Kirche aus dem 12. Jh. genau auf den Überresten einer frühchristlichen Kirche aus dem 4. Jh. gebaut wurde, welche ihrerseits wiederum auf den Überresten eines Mithrastempels aus dem 2. Jh. gebaut wurde - und alle drei Stockwerke sind heute nach langjährigen archäologischen Ausgrabungen zugänglich.
In der Basilica di Santa Croce in Gerusalemme wurde ich in der Reliquienkapelle von einer Hispano-Kaliforniern angesprochen, ob ich überhaupt wüsste, wo ich hier stehe, denn es seien die originalen Reliquien der Passion Christi, und fortan prasselte ein Wortschwall auf Spanisch auf mich herab, dem ich nicht vollständig zu folgen vermochte. Auf alle Fälle ist hier in einer unscheinbaren, aber schön in Marmor ausgeführten Seitenkapelle ein wertvoller Kunstschatz zu besichtigen.
Die Liste der Kirchen ist noch unendlich lang, Lonely Planet meint, dass bei 900 Kirchen in Rom pro Woche 17 zu absolvieren seien, um in einem Jahr ans Ziel zu kommen. Ich weiss nicht, ob ich überhaupt die 7 offiziellen Pilgerkirchen schaffen werde, da diese relativ unglücklich quer über die Stadt an z.T. schwer erreichbaren Stellen verteilt sind, doch hier sei zum Schluss noch San Pietro in Vincoli (Sankt Peter in Ketten) erwähnt, wo vielleicht Michelangelos tragisch-wichtigste Arbeit überhaupt, aber sicher ausserhalb des Vatikans zu finden ist: Rechts neben dem Hauptaltar befindet sich Michelangelo's "Moses" von 1545, das monumentale Grab von Papst Julius II., das eigentlich im Vatikan zu stehen kommen sollte. Das Werk wurde von Michelangelo nie vollendet. Berühmt sind die zwei "Hörner" auf seinem Kopf. Eigentlich sind in der hebräischen Bibelstelle Lichtstrahlen gemeint, doch der Text wurde offenbar falsch ins Lateinische übersetzt...
Samstag war dann eher ein fauler Shoppingbummeltag, ohne dass ich jetzt halb Rom leer gekauft hätte, aber so einige Ideen habe ich mir schon geholt. Ich fürchte, dass mein Gepäck auf dem Rückweg doch nicht unbedingt leichter werden wird, auch wenn ich einige Kleider gleich hier in Rom den Obdachlosen vermachen kann (ich weiss nicht, wie hier gewaschen wird, aber irgendwie mit Steinseife oder so, nach drei Waschgängen lösen sich die Textil-Fasern auf). Sonntag war der Geburtstag von Flaminia, Tochter meiner Gastgeberin, und die ganze italienische Familie war versammelt. Mir war es am frühen Nachmittag genug und ich nützte mein Atac-Abonnement, um etwas sinnlos in der Stadt Bus zu fahren, mal wieder bei Feltrinelli zu schmökern und kam genau zur richtigen Zeit beim Teatro di Marcello vorbei. Eine dramatische Wolkenstimmung genau zur Abenddämmerung ergab ein beeindruckendes Licht - doch schaut selbst!
Das schlechte Wetter habe ich ausserdem für einige Erledigungen genutzt, unter anderem habe ich meine Homepage um die Sparte "Roma 05" erweitert. Einige Euch schon bekannte Fotos sind dort zusammen mit etwas Text und Beschreibungen zu finden, aber natürlich auch viel Neues. Schaut Euch doch einmal um, habe auch wieder ein paar Panoramen hochgeladen.
http://home.datacomm.ch/m.szoenyi
respektive direkt: http://n.ethz.ch/student/mszoenyi/roma05/
Alles Gute in der Adventszeit,
Gruäss, Michi
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